Februar 2018: Interview mit Ehrenamtlichen

Im Dezember 2017 wurden alle Personen, die in der Löninger Flüchtlingshilfe ehrenamtlich tätig sind, angeschrieben, ob sie sich für ein Presseinterview zur Verfügung stellen würden.
Dankenswerterweise waren Thekla Dierkes, Josef Osinski, Claudia Thiel und Hannelore Bonne bereit, sich Fragen zu ihrer ehremtlichen Hilfe zu stellen.



Pressebericht vom Februar 2018(Thomann)

„Ich bin einfach für die geflüchteten Menschen da“
- Löninger Ehrenamtliche der Flüchtlingshilfe im Interview -


Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise in den Sommer- und Herbstmonaten 2015 haben Zehntausende Deutsche Asylsuchenden geholfen: Erschöpfte Flüchtlinge am Bahnhof begrüßen, ihnen Wasser und Essen reichen, aussortierte Kleidungsstücke in die Kleiderkammern bringen. Ohne die vielen freiwilligen Helfer wären die Aufnahme, die Unterbringung und die Versorgung der vielen Flüchtlinge nach der teils wochenlanger Flucht unmöglich gewesen.

Auch in Löningen war und ist immer noch die Bereitschaft zu helfen sehr groß, sozial betreut werden noch fast alle Flüchtlinge. Etwa 100 Löninger Bürgerinnen und Bürger engagieren sich zurzeit ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe, z.B. als Begleiter bei Behörden- und Arztbesuchen, Familienbetreuer und Sprachlehrer. Davon haben fast 20 Personen sogar eine Patenschaft für Flüchtlingsfamilien übernommen. Wie sieht ihre ehrenamtliche Arbeit aus, welche Erfahrungen machen sie?
Stellvertretend für alle Aktiven in der Flüchtlingshilfe stellten sich für die Münsterländische Tageszeitung vier Ehrenamtliche zur Verfügung: Thekla Dierkes, eine Lehrerin im Ruhestand, Claudia Thiel, tätig in der St. Anna-Klinik, die Rentnerin Hannelore Bonne und der Rentner Josef Osinski. Alle engagieren sich schon seit etwa zwei Jahren, Thekla Dierkes sogar schon seit drei Jahren, in diesem Bereich.

Was war Ihre Motivation, ehrenamtlich Flüchtlingen zu helfen bzw. sogar eine Flüchtlings-Patenschaft zu übernehmen?

Claudia Thiel: Ich habe in vielen Situationen erlebt bzw. gesehen, wie hilflos diese Familien oft sind. Sie verstehen unsere deutsche Sprache zum Teil noch sehr schlecht. Auch fehlt Ihnen häufig das Verständnis z.B. bei Behördengängen, bei Arztbesuchen, in der Apotheke usw. Mein Leben beinhaltet die Hilfe an den Nächsten. Ein wertvolles Geschenk, helfen zu dürfen und dann zu sehen, wie gut es (meistens) funktioniert.
Thekla Dierkes: Nach der Pensionierung fehlten mir die Schüler und die Kollegen. Ich habe dann einen Integrationslotsen-Kurs in Cloppenburg besucht, um Kontakte zu Menschen zu bekommen. Dabei habe ich ehemalige Flüchtlinge und Zugezogene aus dem ganzen Kreis kennengelernt. Nach Abschluss des Kurses wurde dann das 1. Integrationscafé vorbereitet. Zunächst habe ich mir also mit der Flüchtlingsarbeit selbst geholfen.
Es wäre schön, wenn jede Flüchtlingsfamilie eine hiesige Familie hätte, die sich kümmert.
Eine ähnliche Motivation hatte Josef Osinski: Er wollte mit dem Eintritt in die Rente „etwas Sinnvolles im sozialen Bereich unternehmen.
Hannelore Bonne: Unsere Pastorin Frau Wittkowski hat während eines Gottesdienstes erzählt, dass am 1. Montag im Monat im Vikar-Henn-Haus ein Flüchtlingstreffen stattfindet. Ich bin einfach hingegangen und habe mit den Kindern Spiele gemacht.

Wie haben Sie die zu betreuende Person/die Familie gefunden?
Die Kontakte zu den Flüchtlingsfamilien entstanden auf verschiedene Weise. Während bei Josef Osinski die Kontaktaufnahme über das Sozialamt hergestellt wurde, lernten Thekla Dierkes und Hannelore Bonne die Familien beim Integrationscafé im Ernst-Henn-Haus kennen.

Claudia Thiel: Ich hatte die Caritasmitarbeiterin Maria Ostendorf gefragt, ob sie bei den Flüchtlingen noch Hilfe braucht. So habe ich meine Familie gefunden.

Wie verlief das erste Treffen?
Claudia Thiel: Das erste Treffen war bei meiner Familie zu Hause und es war toll. Wir haben viel gesprochen, gelacht und auch gemeinsam mit den Kindern gespielt. Gleich beim ersten Treffen wurde ich zum Kaffee eingeladen. Es war eine schöne Atmosphäre.
Thekla Dierkes: Wir haben oft das Deutsch-Französische-Wörterbuch benutzt oder Hände und Füße. Der erste Kontakt kam über die Kinder. Die Frauen waren anfangs sehr schüchtern, weil sie auch noch wenig Deutsch sprachen.
Hannelore Bonne: Das erste Treffen fand im Vikar-Henn-Haus statt. Auch bei den anderen Treffen, z.B. bei der Besichtigung der Feuerwache, bei Kegelnachmittagen und Plätzchenbacken lernte man sich kennen.
Josef Osinski: Wir haben die Familie zum Kaffee eingeladen. Die Verständigung war etwas schwierig. Das Treffen verlief sehr locker und harmonisch, die Familie war uns sofort sympathisch
Auf welche Weise helfen Sie der Person/der Familie? Was sind Ihre Aufgaben?
Claudia Thiel: In erster Linie sprechen wir bei einem Kaffee über das, was gerade so ansteht. Es werden Briefe besprochen, Arzttermine geplant usw. Auch Gespräche von Frau zu Frau gehören dazu. Bei gutem Wetter gehen wir mit der Frau und den Kindern nach draußen. Besonders wichtig ist es, die deutsche Sprache zu üben.
Thekla Dierkes: Zunächst habe ich für eine der Frauen einen Alphabetisierungskurs durchgeführt. Jetzt helfe ich ihr vier Nachmittage in der Woche bei den Hausaufgaben für den Deutschkurs. Die zweite junge Frau habe ich während der letzten Monate der Schwangerschaft begleitet, für einen Kinderwagen und erste Kleidung gesorgt. Jetzt nehme ich an Elterngesprächen im Kindergarten oder in der Schule teil oder beaufsichtige während solcher Termine die Kinder. Behördenbriefe, Schreiben aus Schule und Kindergarten, Post vom Rechtsanwalt usw. bespreche ich mit den Müttern. Wir haben Radfahren geübt, Radtouren und Ausflüge gemacht, Kuchen gebacken usw. Auch Arztbesuche standen schon an. Im Laufe der drei Jahre haben wir einen sehr engen Kontakt zueinander bekommen.
Hannelore Bonne: Direkte Aufgaben habe ich nicht. Ich bin einfach für die Menschen da. Ich helfe mit, z.B. Kleidung besorgen, Malzeug beschaffen.
Josef Osinski: Wir helfen der Familie bei Fahrten zur Ausländerbehörde, bei Behördengängen und Krankenhausbesuchen und versuchen, sie beim alltäglichen Leben zu unterstützen und so die Integration zu fördern. Außerdem haben wir Hilfestellung gegeben, eine Ausbildungsstelle zu besorgen und den Schriftverkehr mit Behörden zu erledigen.

Profitieren Sie auch selbst von der Patenschaft/der ehrenamtlichen Hilfe?
Claudia Thiel: Ich lerne sehr viel von meiner Familie. Die Dankbarkeit, die ich auf verschiedene Art erfahren darf, ist doch schon der "Profit".
Thekla Dierkes: Mein Einsatz war zunächst mal für mich selbst. Heute habe ich einen ausgefüllten Tagesplan, so dass keine Langeweile aufkommt. Ich freue mich immer, wenn ich meine Flüchtlinge sehe. Die Kinder rufen mich schon von weitem oder besuchen mich im SkF-Laden, in dem ich arbeite. Eine der Mütter hilft uns auch regelmäßig im Laden.
Hannelore Bonne: Ja sehr, es freut mich zu sehen, wie dankbar die Familien sind.
Josef Osinski: Unbedingt! Wenn man sieht, wie die Angst vor einer Abschiebung langsam weniger wird, die Menschen totales Vertrauen zu einem fassen und sehr große Dankbarkeit zeigen, freut einen das sehr. Man hat ein sehr gutes Gefühl, weil man etwas Sinnvolles getan hat.

Entstehen Ihnen durch Ihre Hilfe irgendwelche Kosten?
Alle bestätigen, dass, abgesehen von Benzingeld für Fahrten oder gelegentlichen Geschenken, keine Kosten entstehen.
Hannelore Bonne: Wenn ich Kleinigkeiten gebe, so ist das mein eigener Wille.

Wie viel Zeit wenden Sie wöchentlich/monatlich dafür auf?
Der Zeitaufwand richtet sich danach, was gerade ansteht; bei Claudia Thiel drei bis vier Stunden pro Woche. Thekla Dierkes und Josef Osinski wenden sogar über acht Stunden wöchentlich auf.

Thekla Dierkes: Etwa acht bis 10 Stunden pro Woche - Kaffeeklatsch nicht mitgerechnet.
Für Fahrradreparaturen, Möbelaufbau o. ä sind mein Mann und unsere Söhne zuständig.

Welche hauptsächlichen Probleme haben heute noch die Flüchtlingsfamilien, sich hier einzuleben?
Claudia Thiel: Vor allem die deutsche Sprache und notwendige Behördengänge sind problematisch, aber auch, die deutsche Kultur zu verstehen und Arbeit zu finden.
Josef Osinski: Die meisten Familien sind nicht mobil. Wie soll eine Familie die in Evenkamp wohnt, morgens um 9:00 Uhr bei der Ausländerbehörde in Bramsche sein?
Thekla Dierkes: Die Kinder haben kaum Probleme. Den Müttern fällt die deutsche Sprache schwer, obwohl sie sehr bemüht sind und auch sehr aufgeschlossen sind.
Hannelore Bonne: Die Sprache ist das A und O. Jugendliche und Kinder sind da viel besser dran. Es fehlen Grundkenntnisse, z.B. „Wir gehen zur Hase“. Wer ist Hase? – ein Tier? Oder es kommt der Nikolaus – Was ist das? Die einfachsten Bedeutungen sind für Flüchtlinge fremd.

Haben Sie sich schon einmal mit den Flüchtlingsfamilien über ihr ganz persönliches Schicksal und Fluchterlebnisse unterhalten?
Die meisten Flüchtlingsfamilien sprechen nur in Bruchstücken über ihre persönlichen Fluchterlebnisse.
Thekla Dierkes: Wenn die Mütter von sich aus etwas erzählen wollen, höre ich zu. Die Berichte über Familie und Flucht sind immer mit sehr viel Tränen verbunden. Deshalb frage ich nicht nach, sondern warte, bis sie selbst das Bedürfnis haben zu reden.
Josef Osinski: Diese Schicksale sind für einen Deutschen nicht vorstellbar. Besonders, was die Kinder auf der Flucht erlebt haben, geht einem sehr nahe.

Sind Sie wegen Ihres Engagements schon einmal kritisiert oder sogar angegriffen worden? Sind Ihnen Menschen mit Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen begegnet?
Während die Interviewpartner bei der Kritik an ihrem Engagement unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, haben sie doch immer wieder erfahren müssen, dass die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen allerdings sehr verbreitet sind.

Claudia Thiel: Dumme Sprüche bekommt bestimmt jeder, der anderen hilft. Besonders erlebe ich das häufig, wenn ich mit der Flüchtlingsfamilie einkaufe oder auch Arztbesuche mache. Vorurteile gibt es leider immer noch.
Thekla Dierkes und Josef Osinski: Sehr oft begegnen uns Menschen, die große Vorurteile gegenüber Flüchtlingen haben.

Würden Sie sich wünschen, dass Ihre ehrenamtliche Arbeit stärker in der Öffentlichkeit gewürdigt wird?
Alle Interviewpartner legen keinen großen Wert darauf, dass ihr Engagement stärker in der Öffentlichkeit herausgestellt wird. „Nur“, so Claudia Thiel, „wäre es manchmal bei viel Gegenwind gut.“
Josef Osinski: Nein, an einer öffentlichen Würdigung liegt mir nichts! Ich würde mir allerdings insgesamt noch mehr ehrenamtliche Helfer wünschen. Jede Familie sollte einen Paten haben.
Interessenten für eine Patenschaft können sich gern bei Carmen Hanneken vom Caritas-Sozialwerk melden: 0152-26515365
Alle Informationen über die Löninger Flüchtlingshilfe finden sie unter www.flüchtlingshilfe-löningen.de


Aktiv in der Löninger Flüchtlingshilfe(von links): Carmen Hanneken(Caritas-Sozialwerk), Claudia Thiel, Josef Osinski, Thekla Dierkes, es fehlt Hannelore Bonne

Stellvertretend für alle Flüchtlinge waren Nasou und Miriam von der Elfenbeinküste bereit, sich aus ihrer Sicht zur Hilfe, die sie in Löningen erfahren durften, zu äußern:


Gespräch mit Nasou und Miriam

Nasou und Mariam, zwei Flüchtlingsfrauen von der Elfenbeinküste, sprechen den Löninger Ehrenamtlichen ein überaus großes Lob aus. Nasou lebt mit ihren beiden sieben Jahre alten Töchtern seit 2013, Mariam mit ihrem zweijährigen Sohn seit 2014 in Löningen. Seit etwa drei Jahren hilft Thekla Dierkes den beiden Familien als Familienpate. Der Kontakt wurde über das Integrationscafe, das immer am ersten Montag im Vikar-Henn-Haus stattfindet, hergestellt.
Beide Frauen freuen sich über die große Unterstützung, die sie durch ihre Paten erfahren. Mariam: „Thekla Dierkes hat immer Zeit für uns. Wann immer wir auch anrufen, sie kommt so schnell wie möglich. Sie kümmert sich um meinen Sohn und erledigt für uns Fahrten zum Kindergarten und zu Arztterminen. Als mein kleiner Sohn Mohammed sich neulich mit heißem Wasser verbrüht hat, hat sie ihn zum Krankenhaus nach Vechta begleitet und sich intensiv um ihn bemüht.“ Nasou bekräftigt: „Thekla übt schon sehr lange Zeit die deutsche Sprache mit mir, so dass ich mich jetzt schon gut verständigen kann. Sind meine Kinder krank, ist sie sofort zur Stelle. Man kann sagen: Thekla kümmert sich wie eine Mutter um uns!“
Auch über die Löninger Bürger äußern sich die beiden Frauen lobend: „Alle Löninger behandeln uns gut; sie sind gute Leute. Dass wir eine andere Hautfarbe haben, interessiert die meisten gar nicht.“


Auch der kleine Mohammed wird von Thekla Dierkes betreut

Dankesworte des Bürgermeisters Marcus Willen

Die Jahre 2015 und 2016 standen eindeutig im Zeichen des großen Zustroms an Flüchtlingen nach Deutschland, auch in Löningen. Die große Aufnahmebereitschaft hat weltweit Beachtung gefunden und sehr zum Ansehen unseres Landes beigetragen.
Auch wenn die Zeit der großen Schlagzeilen vorbei sein mag, geht die tägliche Arbeit mit den Menschen und für die Menschen, die bei uns Zuflucht gefunden haben, weiter.
Gerade die tagtägliche Unterstützung dieser Menschen bei ihrem Bestreben, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden, wird zu einem ganz maßgeblichen Anteil von ehrenamtlich engagierten Mitbürgern geleistet. Dabei geht es um sprachliche Unterstützung, Übernahme von Patenschaften, Begleitung bei Arzt- oder Behördengängen, sportliche oder kulturelle Angebote und vieles mehr, was von unseren neuen Mitbürgern sehr dankbar aufgenommen wird.
In Löningen hat die Flüchtlingshilfe sich bereits frühzeitig konstituiert und Dienste von unschätzbarem Wert übernommen. Ohne diese engagierte Gemeinschaftsleistung von neu- und alteingesessenen Löningern hätte diese große Herausforderung nicht bewältigt werden können.
Für die Stadt Löningen, insbesondere auch im Namen der extrem geforderten Kolleginnen aus dem zuständigen Fachbereich, darf ich mich bei der Flüchtlingshilfe sehr herzlich für die bisherige Zusammenarbeit, verbunden mit den besten Wünschen für die Zukunft bedanken.


Die vier Original-Interviews zum Download

Interview mit Hannelore Bonne

Interview mit Josef Osinski

Interview mit Thekla Dierkes

Interview mit Claudia Thiel


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